Warum wecken Gerüche Erinnerungen? Der Proust-Effekt
Gerüche wecken persönliche Erinnerungen besonders stark. Studien zeigen: Duftreize führen vor allem zu Erinnerungen aus der ersten Lebensdekade und fühlen sich intensiver an als Erinnerungen, die Wörter oder Bilder auslösen. Eine mögliche Ursache ist die direkte Verbindung des Riechkolbens zu Amygdala und Hippocampus.
Inhalt
Was ist der Proust-Effekt?
Der Proust-Effekt bezeichnet die Beobachtung, dass Gerüche besonders wirksam längst vergessen geglaubte persönliche Erinnerungen auslösen. Der Name geht auf den Schriftsteller Marcel Proust zurück, der in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ beschreibt, wie ihn der Geschmack und Geruch eines in Tee getauchten Gebäckstücks in die Kindheit versetzt.
Lange war das vor allem eine literarische Beschreibung. Inzwischen gibt es Experimente dazu.
Was zeigen die Studien?
Düfte führen zu älteren Erinnerungen, die sich intensiver anfühlen. Willander und Larsson ließen Versuchspersonen Erinnerungen zu drei Arten von Reizen abrufen: Düften, Wörtern und Bildern. Die Ergebnisse:
- Durch Düfte ausgelöste Erinnerungen stammten überwiegend aus der ersten Lebensdekade. Durch Wörter und Bilder ausgelöste Erinnerungen stammten vor allem aus dem frühen Erwachsenenalter.
- Duft-Erinnerungen riefen ein stärkeres Gefühl hervor, in die Zeit zurückversetzt zu sein.
- An diese Erinnerungen hatten die Personen seltener zuvor gedacht.
Eine weitere Untersuchung stellte fest, dass Duftreize beim Auslösen autobiografischer Erinnerungen wirksamer waren als visuelle Reize.
Warum ist das beim Riechen so?
Eine mögliche Erklärung ist der Weg, den Gerüche im Gehirn nehmen. Der Riechkolben projiziert nach Kadohisa direkt auf den piriformen Cortex und die Amygdala, ohne Umweg über den Thalamus. Über den entorhinalen Cortex besteht außerdem eine Verbindung zum Hippocampus, der bei Erinnerungen eine Rolle spielt. Wie dieser Aufbau den Proust-Effekt im Einzelnen erzeugt, ist damit nicht bewiesen. Den Aufbau beschreibt der Artikel Wie funktioniert das Riechen?.
Was ist damit nicht gezeigt?
Die Studien zeigen Erinnerung, nicht Wirkung. Dass ein bestimmter Duft zuverlässig beruhigt, anregt oder Entscheidungen lenkt, folgt daraus nicht. Solche Aussagen brauchen eigene Belege; in diesem Bereich steht auf Parfumwissen nur, was eine Quelle trägt.
Was bedeutet das für Parfum?
Die Verbindung zwischen Duft und Erinnerung entsteht persönlich. Daraus folgt (eine Schlussfolgerung, keine Messung), dass derselbe Duft bei verschiedenen Menschen verschiedene Erinnerungen auslöst, und dass viele Menschen mit einem Duft eine Person, einen Ort oder eine Zeit verbinden.
Häufige Fragen
Ist der Proust-Effekt wissenschaftlich belegt?
Im Kern ja. Lange war es vor allem eine literarische Beobachtung. Experimente zeigen inzwischen, dass Düfte Erinnerungen auslösen, die älter sind und stärker erlebt werden als Erinnerungen, die durch Wörter oder Bilder entstehen (Willander und Larsson, 2006).
Warum erinnern uns Gerüche oft an die Kindheit?
In der Studie von Willander und Larsson stammten die meisten durch Düfte ausgelösten Erinnerungen aus der ersten Lebensdekade, die durch Wörter oder Bilder ausgelösten dagegen aus dem frühen Erwachsenenalter. Warum das so ist, ist nicht abschließend geklärt.
Beeinflusst Duft die Stimmung?
Die hier genannten Studien untersuchen Erinnerung, nicht Stimmungswirkung. Aussagen darüber, dass ein bestimmter Duft zuverlässig beruhigt oder aktiviert, lassen sich daraus nicht ableiten.
Quellen
- Smell your way back to childhood: autobiographical odor memory - Willander und Larsson, PubMed-Eintrag, 2006
- Olfactory cues are more effective than visual cues in experimentally triggering autobiographical memories - PubMed-Eintrag
- Effects of odor on emotion, with implications - Frontiers in Systems Neuroscience (Kadohisa), 2013